Eintrag vom 07.10.2004

Besuch eines jüdisch-orthodoxen Viertels / Heimreise

Heute ist der letzte Tag. Um 10.00 Uhr checkte ich aus dem Hospiz aus und stellte mein Gepäck bei der Rezeption unter. Ich spazierte noch mal durch Jerusalem. Ließ die Stadt auf mich wirken und ich ging in ein jüdisch-orthodoxes Viertel. Heute ist ein Feiertag für die Juden und deshalb gibt es Besonderheiten in diesen gläubigen Stadtvierteln. Ich ging in das Viertel "Bet Yisrael". Die Straßen waren für Autos gesperrt. Ich setzte meine Kipa (rundes Stück Stoff, welches ein Teil am Haarwirbel bedeckt) auf und ging rein. Man sah kaum Menschen und ich fühlte mich unwohl. Es war ein bedrückendes Gefühl und umso weiter ich rein ging, desto stärker wurde es. Es hingen Schilder aus, die besagten, dass man nicht photographieren darf und dass die Frauen ihre Arme, Beine und Haare zu bedecken haben. Die Telefone in den Telefonzellen waren angekettet, weil man an einem Feiertag nicht telefonieren darf und auch kein Autofahren. Autofahrer die trotzdem rein fahren, werden mit Steinen beworfen. Türen öffnen darf man auch nicht. Die Fahrstühle halten an solchen Tagen in jeder Etage, weil die Jüdisch-Orthodoxen keine Knöpfe drücken dürfen, wie z.B. die Nummer des Stockwerkes, wo sie hinwollen. Es gab aber dann plietsche Juden, die sich Bewegungsmelder an / einbauten. Sie dachten, so geht zum Beispiel das Licht automatisch an und man hatte trotzdem keinen Schalter benutzt. Jetzt überlegen die Rabis, ob das nicht auch schlecht ist und abgeschafft werden müsste, denn wenn man den Körper bewegt, wird etwas aktiviert und das ist genauso, als wenn man einen Knopf drückt. Die haben ganz schöne Probleme.
Das Viertel war recht ungepflegt und die Häuser teilweise heruntergekommen. Die Leere der Straßen machte es weiterhin unheimlich, außerdem kamen mir unbekannte Geräusche, Klänge und Musik aus den Wohnungen entgegen.
Jüdisch-Orthodoxe dürfen nicht arbeiten, sondern bekommen pro Kopf 1000 $ aus den USA überwiesen. Sie leben nur um zu beten. Sie rennen förmlich zur Klagemauer, weil im Alten Testament steht, dass man schnell zum Gebet gehen soll. Die Männer tragen schwarze Schuhe, schwarze Hose, schwarzen Mantel und einen schwarzen Hut. Fast alle tragen eine Brille und haben zwei Zöpfchen vor den Ohren, sonst ist das Haar recht kurz geschoren und sie tragen einen Bart. Unter dem Hut tragen sie noch eine Kipa. Die aus Russland tragen diese Kleidung mit Pelzhüten, egal bei welcher Temperatur. Die Frauen tragen eine Art von Kopftuch (was mir bisher nur aus dem Islam bekannt war) und sind auch in schwarz gekleidet. Die Mädchen tragen sehr konservative Kleider und die Jungen sind fast wie die Väter gekleidet. Die Kleidung erinnert mich sehr stark an die "Amish-People".
Nach einiger Zeit verließ ich wieder "Bet Yisrael". Ich war kurz vor der Straßensperre und nahm meine Kipa ab. Da kam eine kleine, sehr alte Frau auf mich zu und redete mich auf hebräisch an. Mein erster Gedanke war, was habe ich falsch gemacht? Dann fragte sie: "Are you jewish?". Ich erwiderte: "No". Nach zwei bis dreimaligen Nachfragen, die ich immer mit nein beantwortete, meinte sie, ich solle ihr ins Viertel zurückfolgen. Nach kurzem Überlegen setzte ich meine Kipa wieder auf und folgte ihr. Ich hatte keinen blassen Schimmer, was sie mit mir vorhatte. Uns folgte plötzlich eine weitere jüngere Frau. Nach etwa fünf Minuten hielt die alte Frau wieder an und fragte erneut, ob ich Jude sei. Ich antworte mit nein und sie forderte mich wieder auf ihr zu folgen. Ich fühlte mich wie in dem Märchen "Hänsel und Gretel", aber ich dachte mir, ich bin nicht der Schwächste und redete mir so etwas Mut zu. Die jüngere Frau folgte uns weiterhin. Nach ein paar Minuten kamen wir an einem Mehrfamilienhaus an. Wieder fragte mich die Alte, ob ich wirklich kein Jude sei und ich sagte zum letzten Mal nein. Nun sollte ich ihr ins Haus folgen. Die andere Frau kam uns auch hinterher. Der Vorgarten war kein Garten mehr und der Hausflur erinnerte mich stark an Russland (Kaliningrad). Im zweiten Stock schob sie die angelehnte Tür auf und winkte mich herein. Die Frau hinter uns war plötzlich auch in der Wohnung, verschwand dann aber in irgendeinem Raum. Es war in der Wohnung sehr unordentlich. Die Küche sah auch sehr mitgenommen aus. So wie ich es erkennen konnte war in jedem Raum ein Schlafzimmer. Überall waren Betten. Ich sollte in ein Zimmer kommen, dass wohl ursprünglich mal das Wohnzimmer war. Auf dem Sofa lag Bettzeug. Es war der einzig richtig helle Raum, aber dafür auch sehr warm. Die anderen waren mit Rollladen verdunkelt. Die alte Frau zeigte auf einen Ventilator, der nicht angeschlossen war. Immer wieder zeigte sie auf den Ventilator und die Steckdose, bis ich begriff, dass ich nur das Kabel in die Steckdose schieben sollte. Ich erledigte diese Aufgabe mit Leichtigkeit, aber er lief noch nicht, weil ich noch den Knopf drücken musste, damit der Ventilator endlich anging. Die Frau war glückseelig und bedankte sich ganz doll bei mir. Sie ging in die Küche und holte Kuchen, den sie mir schenkte, ich aber lieber nicht aß. Sie bedankte sich zum wiederholten Male und ich verabschiedete mich. Beim Hinausgehen und zog ich hinter mir die Tür zu.

[...]

Nachdem ich wieder in der mir gewohnten Umgebung war, fiel mir auf einmal ein, dass ich die Tür nicht hätte schließen sollen, weil sie ja heute keine Türen aufmachen dürfen. Somit konnten sie den Rest des Tages nicht mehr aus der Wohnung heraus. Ich überlegte erst noch zurückzugehen, ließ es dann aber doch und ging zurück zum Hospiz.
Was der fanatische Glaube doch bewirkt! Egal bei welcher Religion oder Anschauung, wenn es ins Extreme geht, kann es nicht gut werden.

Ich schlug die Zeit tot und ging dann zirka 23.30 Uhr los zum Busbahnhof (Hotel Jerusalem). Die Maschine geht zwar erst um 4.50 Uhr, aber wegen der massiven Sicherheitskontrollen sollte man schon gute 4 Std. vorher da sein. Gegen Mitternacht sollte das Sammeltaxi kommen, doch ich wartete vergeblich. Um 00.20 Uhr war noch immer nichts zu sehen und ich machte mir langsam Gedanken. Mit einer halben Stunde Verspätung kam das Taxi doch noch. Wir kamen dann mit dem vollen Kleinbus (01.30 Uhr) am Flughafen "Ben Gurio" Tel Aviv an. Auf dem Flugplatz war ganz schöner Betrieb und ich musste mich erst einmal zurecht finden. An meinem Terminal war noch alles geschlossen und ich konnte bis 2.30 in dem kalten Gebäude warten. Ich stellte mich schon mal vorsorglich beim Sicherheitscheck an. Kurze Zeit später war hinter mir eine riesige Schlange. Nun begann dann auch die Sicherheitsmaschinerie zu laufen. Man wird vorgeholt mit dem Gepäck und es fängt eine oberflächliche Passkontrolle statt. Nach dem Ermessen der Kontrolleure, wird man dann weiter untersucht oder kann zum "Check In". Ein Vorteil ist es, wenn man Jude ist, weil man so eher von den Kontrollen ausgeschlossen wird.
Als ich endlich an der Reihe war, musste ich aus der Schlange raustreten. Die Kontrolleurin stellte mir Fragen (so ähnlich wie bei der Ankunft), wie zum Beispiel: "Wo kommen sie her? Haben Sie Ihren Koffer selbst gepackt? Haben Sie immer auf Ihr Gepäck aufgepasst? Haben Sie etwas von einem Fremden mitgenommen? Sind Sie Jude? Sinn der Reise? Wo waren Sie? Waren Sie in Palästina? Warum haben Sie einen Stempel aus Ägypten in Ihrem Pass? Warum waren Sie da? …" Nachdem ich fast alle Antworten richtig beantwortet hatte, bekam ich einen roten Aufkleber und musste wieder warten. Dann wurde ich abgeholt und vollkommen auseinandergepflückt. Ich musste alles Gepäck öffnen. Was mir persönlich Sorgen machte, war, dass ich so viele Informationen aus Palästina in meinem Rucksack hatte. Karten, Bücher, Infoblätter, meine Bilder von Ramallah und der Mauer, ein Buch von Arafat, eine Flagge von Palästina… Bei der Hinreise hatte man mir geraten, nichts, aber auch rein gar nichts über Palästina mitzunehmen und nicht zu sagen, was ich vorhabe. Da öffnete sie schon meinen Rucksack und ging mit einem Spezialstab durch. Doch sie tat es so, dass sie gar nicht sehen konnte, was da alles drin war. Als ich den Rucksack wieder zu machen durfte, fiel mir ein Stein vom Herzen. Die Kontrolleure gehen nämlich mit einem Stab durch die Sachen und lassen diesen dann Scannen. Der Computer kann daraufhin ermitteln, ob sich dort Sprengstoff oder Drogen befinden.
Danach kam meine Reisetasche dran und die musste ich ganz und gar ausräumen. Sie untersuchte sogar meine Dreckwäsche. In der Tasche hatte ich meine Schischa untergebracht und da kamen noch mehr Fragen: Ob ich in Sinai oder Jordanien gewesen sei…? Nachdem die ganzen Kontrollen negativ verlaufen waren, war ich persönlich dran. Die Frau führte mich in einen extra Raum. Dort musste ich meine Schuhe ausziehen, die sie dann mitnahm. Wurden wohl bestrahlt und ich musste mehrmals durch den Metalldetektor und wurde per Hand kontrolliert. Sie konnten nichts finden. Die Sicherheitsfrau brachte mich zum "Check In", nachdem ich meine Tasche wieder ordentlich gepackt hatte. Beim "Check In" lief alles reibungslos, aber die Frau ließ mich nicht aus den Augen. Nun brachte sie mich persönlich eine Etage höher zur Passkontrolle. Dort wurde ich nun von vier weiblichen Augen geprüft und bestand auch diese Kontrolle. Die Kontrolleurin verabschiedete mich und ich fand mich im "Duty-free-Bereich" wieder. Noch hatte ich mehr als genug Zeit, bis der Flieger um 5.00 Uhr ging. Ich erkundete alleine den Flughafen, der förmlich mit Menschen boomte. Nach sinnlosem Herumbummeln und Warten, startete die Maschine pünktlich.

[...]

Ich überlebte es [den Flug und die Warterei an den Flughäfen] und flog pünktlich Richtung Hamburg. Im Flugzeug lehnte ich mich müde zurück und freute mich auf meine Familie und Freunde. Doch schon jetzt weiß ich genau, Israel, ich komme wieder! "En-Shala"!!!!!!

Wir landeten 19.55 Uhr. Es war kalt und viele Leute warteten am Ausgang und holten ihre Verwandten und Freunde ab, nur ich verließ den Flughafen alleine. Mit dem Bus fuhr ich dann nach Kiel. Dort angekommen, im Restaurant von meinen Eltern, war ich endlich wieder Zuhause! Ich war fast 40 Std. auf den Beinen gewesen.
Es ist schön wieder daheim zu sein, aber ich könnte schon wieder losdüsen, um noch mehr von der Welt mit eigenen Augen zu sehen und mir so meine eigene Meinung bilden zu können!

Moschee

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